GRUNDLAGEN DER AKUPUNKTUR
 
1. Stellenwert der Akupunktur


 
 Auch im Westen gewinnt die Akupunktur in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung im medizinischen Alltag, besonders bei der Behandlung von Schmerzzuständen und chronischen und psychosomatischen Erkrankungen. Zhen Jiu, der chinesische Name für Akupunktur bedeutet Stechen und Brennen, was die Reizapplikation spezifiziert, also die Anwendung der „Nadelakupunktur“ in Verbindung mit der Moxibustion, d.h. dem Anwärmen von Hautstellen. Auch die Moxibustion ist ein essentieller Teil der chinesischen Medizin. Nach der pathogenetischen Vorstellung der rationellen Medizinsystem wird durch Reizung von spezifischen Hautstellen, der Akupunkturpunkten, eine therapeutische Wirkung erzielt. Die chinesische Medizin beschränkt sich dabei nicht, wie das im Westen allgemein angenommen wird, auf die Therapie, sondern kennt auch ein ganzheitliches diagnostische System. Eine Akupunkturtherapie beruht also auch immer auf einer Diagnose im chinesischen Sinne.

    In der Antike wurde Akupunktur sowohl in China als auch in weiteren asiatischen Ländern wie Korea, Vietnam, aber auch in Indien und Sri Lanka praktiziert. Jedoch ist sie nur in China über die Jahrhunderte hinweg weitergegeben worden.

    In der Volksrepublik China hat die Akupunktur nach einer Phase des Niedergangs Ende der letzten Qing-Dynastie in den 50er Jahren eine entscheidende Wiederbelebung erfahren. Ausgehend von der analgetischen Wirkung der Akupunktur bei chronischen Schmerzzuständen wurde auch eine neue Methode entwickelt, um Analgesie bei chirurgischen Operationen zu erzielen. Dazu war es notwendig die Akupunkturnadeln über längere Zeit zu stimulieren, zunächst manuell, später elektrisch. So entwickelte man die Methode der Elektrostimulation von Akupunkturnadeln und konnte mit ihrer Hilfe unter Akupunkturanästhesie große Operationen beim wachen Patienten durchführen.

    Mit der Verbesserung der Technik der Akupunkturanalgesie konnten immer mehr chirurgische Bereiche abgedeckt werden; so führte man neben gynäkologischen und abdominellen Operationen auch Thorakotomien, Knochenoperationen und neurochirurgische Eingriffe beim wachen Patienten durch. Diese oft sensationellen Operationen am wachen Patienten weckten das Interesse westlicher Ärzte an der Methode der Akupunktur. Nach der Öffnung Chinas Mitte der 70er Jahre besuchten westliche Ärzteteams China, um diese Methode der Akupunkturanästhesie zu studieren. Später wurde sie im Westen in veränderter Form ausgeübt. Die Kombination des chinesischen Akupunkturverfahrens mit westlichen Intubationsnarkose brachte große Vorteile. Der Anteil der toxischen Narkotika konnte oft bis auf 20% reduziert werden; dies ist gerade bei Risikopatienten, z. B. bei Herzoperationen, von großer Bedeutung. Auch die postoperative Schmerzfreiheit und die Reduktion der intraoperativen Blutungsneigung durch Akupunkturanästhesie waren von Vorteil gegenüber konventionellen Narkoseverfahren. In den letzten Jahren breitete sich die Methode zunehmend aus. Neben den Vorteilen wie der Reduzierung von Narkotika, postoperativer Schmerzfreiheit und besserer Homöostase wahrend der Operationen, erfordert die Methode jedoch eine längere Vorbereitungszeit und intensivere Betreuung der Patienten.

   In China erkannte man in den letzten Jahrzehnten, dass die Kombination von traditioneller chinesischer und westlicher Medizin eine Bereicherung und Befruchtung bedeutet. In allen großen Städten Chinas wurde Ausbildungsinstitute für traditionelle Medizin aufgebaut, in denen man auch Forschungsgruppen bildetet. So wurden die Wirkungen der Akupunktur mit den Methoden der wissenschaftlichen Medizin untersucht.  Vor allem auf die Erforschung der analgetischen Wirkung der Akupunktur wurde besonderes Gewicht gelegt. Durch die Akupunkturforschung kam es auch zu einer Anregung der Erforschung des Phänomens Schmerz im Westen.

   Schon in den 60er Jahren erkannten chinesische Forscher in Shanghai, dass neben neuronalen Mechanismen auch humorale Faktoren bei der Analgesie beteiligt sind. Mitter der 60er Jahre stießen auch sonstige Indikationen der Akupunktur und ihr weites therapeutisches Spektrum im Westen auf großes Interesse. Schon seit den 50er Jahren wurde in Deutschland die therapeutische Akupunktur vereinzelt von niedergelassen Ärzten angewendet. Zu einem deutlichen Anstieg des Interesses, auch an vielen Kliniken und Universitäten, kam es erst in den 70er Jahren. An vielen Zentren in Europa und Amerika führte man klinische Untersuchungen durch, die die therapeutischen Wirkungen der Akupunktur bei verschiedenen Erkrankungen nachwiesen. Man erkannte, dass Akupunktur in den westlichen Ländern auf den Wegen, als anerkanntes Heilverfahren akzeptiert zu werden.

   Die Hauptindikationen der therapeutischen Akupunktur sind schmerzhafte Erkrankungen des Bewegungsapparates, wie HWS-Syndrom, Lumbalgien, Ischialgien und Arthrosen der verschiedenen Gelenke. Deshalb hat sich die Akupunkturtherapie in vielen orthopädischen Kliniken und Praxen durchgesetzt. Bei psychogenen Störungen wie Schlafstörungen oder Suchterkrankungen, sowie neurologischen Erkrankungen, w z.B. Migräne, Neuralgien und Epilepsien, ist ebenfalls eine gute Wirksamkeit zu verzeichnen. In vielen Schmerzkliniken wird Akupunktur wegen der ausgezeichneten analgetischen Wirkungen bei chronischen Schmerzzuständen als Routinemethode eingesetzt. Gute Wirkungen zeigt die Akupunkturtherapie auch bei Erkrankungen mit psychosomatischem Charakter, wie Asthma bronchiale, Ulkus, irritables Kolon, weiterhin auch bei vielen somatischen gastrointestinalen und urogenitalen Erkrankungen. Neben der analgetischen Wirkung wird v.a. auf die sedierende, homöostatische, immunstimulierende und psychisch ausgleichende Wirkung der Akupunktur zurückgegriffen.


2. Wissenschaftliche Grundlage der Akupunktur

   Die wissenschaftliche Grundlagenforschung der Akupunktur, die seit 1975 in über 200 Arbeiten publiziert ist, wird hier kurz zusammengefasst. Nur wenige Publikationen von chinesischen Grundlagenforschern werden berücksichtigt, da sie erst in den letzten Jahren in englischer Sprache zugänglich sind.

   Die zunächst bekannteste neuronale Therapie der analgetischen Akupunkturwirkung wurde 1965 von
Melzack und Wall in der Gate Control Theory of Pain formuliert. Diese Theorie wird nicht mehr   aufrecht erhalten, da sich die hypothetische Vorstellung von neuronalen Schleusen nicht bestätigen ließ.

   Beim Düsseldorf Akupunktur-Symposium wurde in August 1987 der aktuelle Stand der Akupunktur Grundlagenforschung umfassend referiert; so bestehen heute in kompetenten Kreisen keine Zweifel mehr an der Wirksamkeit der Akupunktur. Nach einem Reviewartikel des kanadischen Neurophysiologen Pomeranz stellt sich analgetische Wirkung der Akupunktur als Vorgang auf 3 Wirkebenen dar (s. nachfolgendes Wirkschema):
Gehirn

Der Schmerzreiz wird vom Ort der Entstehung, z.B. Gelenk, Haut oder innerem Organ Eins über Nervenfasern zunächst zu den Hinterhörnern des Rückenmarks geleitet. Hier erfolgt die Umschaltung auf ein zweites Neuron Zwei , das den Schmerzreiz weiter zum Thalamus Drei und schließlich zur Hirnringe, dem Ort der Schmerzwahrnehmung leitet Vier. An den Synapsen der Hinterhörner ist der Neurotransmitter Enkephalin, während im Mittelhin, Hypothalamus oder Thalamus an die Endorphine (β-Endorphin, Dynorphin) die Reizübertragung übernehmen. An diesen Synapsen kann man den Schmerzreiz modulieren Fuenf.

Der Nadeleinstich der Akupunktur führt zu einer Reizung von Rezeptoren der Gruppe II und III, die in den Muskeln liegen. Man verspürt ein Schwere- oder Druckgefühl in der Tiefe, De Qi von den Chinesen genannt, wenn die Nadeln für 10 – 20 Minuten im Gewebe liegen oder durch Drehen stimuliert werden, um die Reizstärke zu intensivieren. Der Nadelreiz kann auch mit Hilfe von elektrischen Impulsen verstärkt werden, man spricht von Elektrostimulation. Die Nervenreize von den Akupunkturnadeln ziehen zunächst zu den Hinterhörner des Rückenmarks Sechs, werden hier mehrfach umgeschaltet, um zu einer segmentalen Hemmung, der ersten Station der Schmerleitung zu führen, die mit Hilfe der Neurotransmitter Enkephalin und Dynorphin erfolgt Sieben.
Dabei kommt sowohl der Schmerzreiz als auch die nicht schmerzhafte Afferenz der Akupunkturnadel aus dem gleichen Segment. (Eins und Fuenf).


Neben diesen Afferenzen, die zu einer segmentalen Hemmung auf Rückenmarksebene führen, werden Nervenreize von Akupunkturnadeln auch zum Mittelhirn und zu Nervenzentren im Hypothalamusgebiet geleitet. Im Mittelhin erfolgt nach mehrmaliger Umschaltung zunächst im periaquäductalen Grau dann in den Paphekernen, ein absteigende Nervenleitung zurück zu den Hinterhörnern im Rückenmark, die hier die erste Station der Schmerzleitung hemmen. Enkephalin ist der Transmitter sowohl in den Raphekernen als auch im periaquäductalen Grau (zentrales Höhlengrau, ist eine Ansammlung von Nervenzellkörpern, ein Kerngebietskomplex, der im Tegmentum liegt und die „Liquorleitung“ des Mittelhirns umgibt (siehe nachfolgendes Bild)), während die absteigende Hemmung auf Rückenmarksebne durch Monoamine (Serotonin und Noradrenalin) vermittelt wird.

Im Hypothalamusgebiet, der 3. Ebene der Schmerzhemmung durch Akupunktur, konnte ebenfalls eine Endorphinausschüttung (β-Endorphine) nachgewiesen werden Acht.

Han Jisheng vom Pekinger Physiologischen Institut fand ein System von Kerngebieten im Mittelhirn, das „Mesolimbic loop“, das durch Akupunktur aktiviert, Schmerzen reduziert. Diese mesolimbische Analgesie-Schleife besteht aus dem periaquäductalen Grau, Nucleus accumbens und dem Habenula.

Die hier beschriebenen Wirkungsmechanismen wurden zum größten Teil durch europhysiologische und neurochemische Untersuchungen an Versuchstieren gewonnen.

Zusammengefasst aktiviert Akupunktur ein köpereigenes System der Schmerzkontrolle auf 3 Wirkebenen:

1. Auf Rückenmarksebene erfolgt eine segmentale Hemmung der Schmerzreize durch nicht schmerzhafte Reize aus Muskelspindeln vom Typ II und III, die von den Akupunkturnadeln kommen. Neurotransmitter ist hier Enkephalin und Dynorphin Sechs.
2. Eine absteigende Hemmung der Hinterhornneurone, über Monoamine vermittelt, erfolgt durch Nervenreize vom Mittelhirn, vom periaquaductalen Grau und vom Nucleus Raphe Sieben.
3. Nervenreize von der Akupunkturnadeln wirken daneben auf den Hypothalamus und führen hier zu einer Endorphinausschüttung .Acht


Neueste Untersuchen von Heine, Anatom an der Universität Herdecke, zeigen, dass Akupunkturpunkte Perforationen der oberflächlichen Körperfascien mit durchtretenden Gefäßnervenbündeln entsprechen. Der Vergleich der Lokalisation von perforierenden Gefäßnervenbündeln durch die oberflächliche Körperfascien (Durchmesser 2-8 mm) an Leichen mit der Lage klassischer Akupunkturpunkte ergab einen hohen Grad an Übereinstimmung. Das Gefäßnervenbündel ist im Perforationsbereich in lockeres, wasserreiches Bindegewebe gehüllt. Dadurch erklärt sich der niedrigere elektrische Widerstand (erhöhter Summton Elektroakupunkturgerät) im Bereich der Akupunkturpunkte, ein Phänomen das seit der 60er Jahren bekannt ist und häufig zur Lokalisation von Akupunkturpunkten benutzt wird. Die Perforationsstellen der Gefäßnervenbündel könnten das morphologische Korrelat für die Akupunkturpunkte bilden.